Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg

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Die Tricks der Filmemacher und der Maler: Zwischen

Von „Herr der Ringe“ bis zum barocken Stillleben – Wenn Künstler das Auge des Betrachters täuschen

Hobbit Frodo stünde ohne Landschaft da, Darth Vader bewegte sich im luftleeren Raum, hätte es nicht Parrhasios und Zeuxis gegeben. Vereinfacht ausgedrückt, haben die beiden alten Griechen den Grundstein gelegt für das, was der „Star Wars“- oder „Herr der Ringe“-Fan 2500 Jahre später im Kino als fantastische Landschaft oder atemberaubenden Blick in den Weltraum erlebt.


„Matte Painting“ heißt die Technik, die in Filmen für Hintergründe sorgt, um Kosten für aufwändige Studioarchitekturen oder Außenaufnahmen zu sparen. Der darzustellende Raum wird auf Glasscheiben oder Leinwände gemalt, die werden hinter- und nebeneinander aufgestellt, die Kamera kann durch frei gelassene Stellen im Glas blicken oder sich zwischen den Kulissen bewegen. Für den Kinobesucher entsteht der Eindruck eines realen, dreidimensionalen Raumes. Das Auge des Betrachters wird getäuscht.

Das Auge des Betrachters täuschen: Zu Zeiten von Parrhasios und Zeuxis – etwa um 400 vor Christus – war es das Kunstvollste, was ein Maler erreichen konnte. Der Sage nach trugen die beiden einen Wettstreit aus. Zeuxis malte Trauben, die so echt wirkten, dass die Vögel danach pickten. Parrhasios hatte seinen Wettbewerbsbeitrag mit einem Vorhang verhüllt. Zeuxis wollte ihn beiseite ziehen – und stellte fest, dass der Vorhang gemalt war. Parrhasios hatte sogar den Kollegen getäuscht.

Ein Brötchen zum Anbeißen
Der Wille, den Betrachter mit möglichst naturgetreuen Darstellungen zu täuschen, ziehe sich durch die Kunstgeschichte, erklärt Oberkonservator Tilman Kossatz, der die Gemäldesammlung des Würzburger Martin-von-Wagner-Museums und die Graphische Sammlung der Universität betreut: „Holländische Stillleben-Maler trieben das im 17. Jahrhundert auf die Spitze“, erklärt der promovierte Kunsthistoriker. Er zeigt auf zwei Bilder von Pieter Claesz (1597–1661) im Martin-von-Wagner-Museum. Das knusprige Brötchen auf einem der Stillleben ist geradezu zum Anbeißen.

Das Auge des Betrachters täuschen will auch Michael Lassel, wenn er zu Pinsel, Palette und Farbe greift. Der in einem Stadtteil von Fürth lebende Künstler hat die Augentäuscherei, die sogenannte Trompe-l'oeil-Malerei, perfektioniert. Ob Spielkarte, Zirkel oder eine aufgeklappte Taschenuhr – Lassel malt sie, als könne man sie anfassen.

Im 17. Jahrhundert hatten Stillleben auch einen weltanschaulichen, religiösen Hintergrund. Sie wiesen – oft mit erlegten Vögeln, welken Blumen oder mit Totenschädeln – auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin. „Bei dem modernen Trompe-l'oeil-Maler Lassel ist das nicht mehr so“, sagt Kossatz. Der Kunstgeschichtler zeigt auf eines der 17 Gemälde des gebürtigen Siebenbürgers, die in der Grafischen Sammlung im Südflügel der Würzburger Residenz, gleich neben dem Martin-von-Wagner-Museum hängen.

Lassel täuscht das Auge und foppt das Gehirn. Während Barockmaler Claesz die wirklichkeitsgetreuen Dinge in ihrer gewohnten Umgebung zeigt, stellt Michael Lassel realistisch wirkende Gegenstände in Zusammenhänge, die es dem gesunden Menschenverstand nach nicht gibt. Das macht den Reiz der Lassel'schen Werke aus. In dem großformatigen Gemälde „Bau und Verfall der Kathedrale“ scheint ein Zirkel durch den Bildvordergrund zu schreiten als sei er lebendig, eine Gliederpuppe mit Speer scheint sich auf ihrem marionettenartigen Pferd wie Don Quichotte zum Kampf gegen Windmühlen zu rüsten. Diese und andere kleine Szenen spielen sich vor und neben einer ruinösen gotischen Kathedrale ab. Darüber scheint die Farbe des Himmels von der Leinwand zu blättern.

Auch das scheint nur so: Zu sehen ist nicht der wirklicher Stoff der Leinwand, sondern eine von Lassel akribisch gemalte Gewebe-Struktur. Das Ganze wirkt wie ein seltsamer Traum, in dem Wirklichkeit und Hirngespinst eine teils amüsante, teils beunruhigende Partnerschaft eingehen. „Jeder Betrachter kann versuchen, sich aus dem Bild eine eigene Geschichte herauszuziehen“, sagt Kossatz. Lassel malt mit der Technik der Alten Meister. Hinter den Bildern steckt viel Arbeit. An einem Quadratmetergroßen arbeitet Michael Lassel bei einem Zehn-Stunden-Tag sieben bis acht Monate.

Dinge der Wirklichkeit mit Farbe quasi nur nachzuahmen, ist in der modernen Kunstgeschichte eher verpönt. Die Arbeiten des international bekannten 60-jährigen Augentäuschers scheinen dennoch – oder gerade deswegen – gefragt zu sein. Für einen großformatigen Lassel werden laut Kossatz 60 000 bis 100 000 Euro gezahlt.

Beim Film soll der Zuschauer – anders als in der modernen Kunst – möglichst tief in eine Realität gezogen werden, die er sich als seine eigene vorstellen kann. Er soll sich unmittelbar mit der Illusion einer Welt identifizieren können. Dank fortgeschrittener Täuschungs-Techniken gelingt das sogar bei Fantasy- und Science-Fiction. Denn obwohl es weder Mittelerde noch den „Star Wars“-Kosmos gibt, nimmt sie der Zuschauer als wirklich hin. Die Sinnestäuschung ist perfekt. Parrhasios und Zeuxis würden heute wohl in Hollywood arbeiten . . .

Martin-von-Wagner-Museum: Dienstag bis Samstag und ab 27. Juli jeden zweiten Sonntag 10–13.30 Uhr. Grafische Sammlung: Dienstag, Donnerstag 16–18 Uhr. Die Lassel-Schau dauert bis 7. September. Infos: Tel. (09 31) 31 22 83.

Von Ralph Heringlehner
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So verblüffend und detailreich kann Malerei sein

Würzburg (clap) - Ein wenig erinnert die Malerei von Michael Lassel an Salvador Dali, ein wenig an realistische Stillleben. Seine Bilder im Stil der Trompe-I'œil-Malerei bestechen aber vor allem durch ihre Exaktheit und phantastischen Verbindungen. Zu sehen ist eine repräsentative Auswahl der Werke von Michael Lassel seit heute, 18. Mai, im Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg in der Residenz.
Michael Lassel ist durch sein malerisches Werk auch im Ausland als einer der bekanntesten deutschen Vertreter dieser Stilrichtung geschätzt. Lassels Karriere begann um 1980 mit Bildern in der Tradition der abstrakten Malerei. Ab 1989 hielt er sich jährlich in Paris auf und traf dort die Gruppe Trompe-I'œil/Realité um Pierre Gilou. Auf den stilistischen und inhaltlichen Besonderheiten dieser Richtung aufbauend, entwickelte Lassel mit der Zeit seine individuelle Handschrift. Auf dem internationalen Kunstmarkt erfreuen sich seine fein gemalten Werke mit ihrer delikaten Farbigkeit und ihrem oft witzigen Detailreichtum großer Beliebtheit und Nachfrage.

Ein Trompe-I'œil täuscht, wie der französische Name schon sagt, das Auge. Es ist ein illusionistisches Gemälde, bei dem versucht wird, Fotorealismus zu erzielen. Trompe-I'œils täuschen Architekturen, Landschaften, Skulpturen vor. Die ältesten Beispiel sind aus Pompeji bekannt, in der Renaissance entwickelte sich der Stil und ging einher mit Entdeckung der Perspektive und den wissenschaftlichen Fortschritten im Bereich der Optik. Seit dem 14. und 15. Jahrhundert versuchte man als Scheinarchitektur vorzugsweise in Innenräumen künstliche Ausblicke durch vermeintliche Fenster und Kuppeln zu schaffen, um die Räume optisch zu vergrößern.

Eröffnet wird die Ausstellung heute um 11 Uhr im Toscanasaal der Residenz. Professor Stefan Kummer, Leiter der Neueren Abteilung des Wagner-Museums,
und der Kunstphilosoph Professor Carl Michael Hofbauer von der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, sprechen zur Einführung. Der Künstler selbst ist anwesend.

PrimaSonntag