SÜDOSTDEUTSCHE VIERTELJAHRESBLÄTTER

SÜDOSTDEUTSCHE VIERTELJAHRESBLÄTTER

Michael Lassel- Ikonen für das dritte Jahrtausend

Das Stilleben nimmt in der Geschichte der europäischen Kunst seit fünfhundert
Jahren einen sicheren Platz ein. Wie beim Aktbild kann der Maler hier von einer festen, jedoch variierbaren Grundlage ausgehen. Das Stilleben ist somit ein Spiegel des Wandels in der Kunst, von Memling und Dürer bis Picasso und Morandi.
Bei Michael Lassel, einem hochgeschätzten zeitgenössischen Meister des realistischen Stilllebens, ist das Beharrende stärker als der Wandel, Seine Ölmalerei bleibt altmeisterlicher Technik treu: grobe Leinwand, stark grundiert, zehn- bis zwölfmal übermalt. Das ergibt Bilder, die nicht nur ein Menschenleben halten, sondern noch Jahrhunderte überstehen können. Entsprechend lang die Dauer der Bearbeitung: Für eines seiner Hochformate, etwa 100 x 90 cm, sind bei zehnstündiger Tagesleistung sieben bis acht Monate vorzusehen Dies unterscheidet ihn von den Photo-realisten unserer Tage, die sich, um Wirklichkeit optisch tauschend wiedergeben zu können, mechanischer Mittel bedienen: Sie benutzen die Kamera bei der Übertragung ihrer Vorlagen auf die Leinwand. Der Vorwurf, der dieser modernen Richtung von manchen Kritikern gemacht wird, es handle sich dabei „nur" um nachgemalte Photographien, kann Maler nicht treffen, die wie Michael Lassel auf technische Hilfe jeder Art verzichten und allein durch geduldiges Betrachten allen optischen Aspekten der Dinge, die sie abbilden, nahe zu kommen suchen. Auf den ersten Blick eine Anhäufung ganz alltäglicher Gegenstände, gewinnen diese durch ihre Stellung in der Komposition und die Wechselwirkung von Licht und Farbe eine von ihrem vertrauten Sosein abweichende Bedeutung, aber ganz im Diesseitigen, ohne jede religiöse Symbolhaftigkeit, wie sie für die Meister des 16. und 17, Jahrhunderts verpflichtend blieb. Sie unterscheiden sich aber auch von den Popkünstlern der sechziger Jahre, die, der großstädtischen Zivilisation in Hassliebe verbunden, auf die Signalwirkung monumentalisierter Konsumprodukte als Markenartikel abzielten, oder der demonstrativ kritischen Gruppe des Kapitalistischen Realismus.
Um seine vordergründig anachronistisch erscheinende Position besser einschätzen zu können, mag es hilfreich sein, Michael Lassels künstlerische Entwicklung zu streifen. Geboren am 19.12.1948 in Ludwigsdorf in Siebenbürgen, studierte er nach Absolvierung des Musischen Gymnasiums in Neumarkt am Miereseh von 1970 bis 1974 an der Kunstakademie Bukarest bei Professor Corneliu Baba. Nach Beendigung des Studiums wirkte Lassel als Kunsterzieher am Deutschen Gymnasium in Schäßburg, wurde aber, als er die Übersiedlung nach Deutschland beantragte, freigestellt und schlug sich einige Jahre als Graphiker durch, bis er endlich im April 1986 Rumänien verlassen durfte. Seither lebt er als freischaffender Künstler mit seiner Familie im Stadeln, einem Ortsteil von Fürth in Bayern.

Lassel hat in Rumänien surrealistisch gemalt und ist dieser Richtung ein Jahrzehnt lang treu geblieben. Wie man ganz allgemein feststellen kann, hatten sich in den Ländern Osteuropas unter der kommunistischen Diktatur nicht wenige bildende Künstler dieser Richtung als einer eskapistischen Möglichkeiten zugewandt.
Fast zwangsläufig ergibt sich für Michael Lassel in Deutschland eine stilistische Neuorientierung. In seinen vierziger Jahren findet der Künstler zu einer Reife, die eine Intensivierung des schon Erreichten ermöglicht. Es handelt sieh um eine neue Bildkonzeption, in welche er seine perfekte altmeisterliche Maltechnik einbringt, und bei der die Verantwortung für die Komposition uneingeschränkt vom Gestaltungs-prozess seines eigenen Denkens getragen wird: hyperrealistische Atelierstilleben.
Lassel gehört zu den nicht eben seltenen Künstlern, die sich für eine Eingeschränkte Motivgruppe entschieden haben. Es sind Erzeugnisse der Zivilisation, die nicht in isolierter Reibung, sondern zu einem künstlichen Ganzen arrangiert vorgestellt werden als eine dichte Ansammlung von Dingen, die unweigerlich den fragenden Blick des Betrachters auf sich zieht. Die das vertikale Bildformat nachdrücklich betonende Raumordnung der zentralen Gegenstandspyramide folgt klassischen Vorbildern. Auch die beigezogenen Objektarten entsprechen weitgehend dem schon aus der holländischen Stillebenkunst des 17. Jahrhunderts bekannten Büchern, Blasinstrumenten, Geldmünzen und –scheinen, Bildern, Büsten, Trinkgefäßen, Uhren und anderem mehr, nur dass Lassel seine Modelle auf den Flohmärkten unserer Tage erworben bat. Ein Vergleich etwa seines Gemäldes „Der Schöne Brunnen
mit dem bekannten Vanitasbild des Edwaert Colyer (2. Hälfte 17.Jh.) stimmt nicht nur in weiten Teilen des Inventars überein (Bücher, Musikinstrumente, Büsten, Pergamentpapiere), sondern auch in der horizontalen Anordnung, die das Blickfeld in Besitz nimmt, und dem von der gedeckten Tischplatte aufsteigenden vertikalen Turmbau. Für den Trompe-l’oeil-Stil Lassels finden sich holländische Vorgänger; ein fluoreszierender Glanz konzentrierten Lichtes verklärt die Dinge vor mattdunklem Hintergrund.
Was Lassels Arbeiten von den Stilleben der Renaissance- und Barockzeit deutlich abhebt, ist die unverkennbare humorvolle Ironie, die jede tiefere Deutung zurückweist und sich schon in der Titelgebung erkennen lässt. Beispielsweise sehen wir den Schönen Brunnen, Nürnbergs mittelalterliches Paradestück am Hauptmarkt, in Lassels
gleichnamigem Gemälde nur auf dem an die Wand gehefteten Riß, der für den aus trivialen Details zusammengesetzten sonst unverständlichen Aufbau als „Vorlage" diente. Hier, wie in anderen Werken, helfen Erinnerungen aus der surrealistischen Periode bei der Distanzierung von jeder symbolischen Sinngebung, so die sitzende Gliederpuppe am Sockel und der Trichter als Spitze. „Die Arche" hat einen Troika-Schlitten als Fundament; ein kunstvoller Bücherbau ummantelt die orthodoxe Kathedrale und eine Pickelhaube krönt schließlich das Ganze.Lassels bizarre Bilderkunst zwischen Tradition und Gegenwart hat bisher imAusland größere Beachtung gefunden als hierzulande: In Frankreich erhielt er bei Ausstellungen seit 1990 viermal die Goldmedaille und von der Académie Europèenne des Arts in Luxemburg den 1. Preis . In etlichen Handbüchern ist er vertreten, so im Standardwerk von Jean Moneret „Le Triomphe du Trompe-l’oeil“, Paris, 1993. In letzter Zeit findet sich auch in Deutschland zunehmend Interesse: Ausstellungen unter anderem in Bonn, Remagen, München, Nürnberg und Erlangen zeigten seine Arbeiten, die Galerien Rutzmoser in München und Barthelmeß in Nürnberg vertreten ihn und die Monatszeitschrift „MUT“ bringt Vierfarbdrucke seiner Werke
(Nr. 339,340,344).

Südostdeutsche Vierteljahresblätter
Verlag Südostdeutsches Kulturwerk
45. Jahrgang München 1996
Folge 2